Perdu

schuhe

Das waren Lieblingsschuhe, und sie sind nicht mehr.

Gekauft im Jahr, nach dem sie aktuell waren; rot und schwarz. Getragen und getragen und getragen, mit Einlegesohlen bis in den tiefsten Winter hinein. Naß bin ich in ihnen geworden, neue Senkel mußte ich ihnen kaufen, bei allen Geschichten waren sie dabei. Ich wüßte gern, wie viele rote, wie viele schwarze Kilometer ich mit ihnen gegangen bin.

Das Ende machte sich als plötzliche Schiefe bemerkbar, als ein leises Knirschen: der Kunststoff der Sohlen löste sich auf. Der Schuster hat sie noch einmal geflickt; beim zweiten Mal schüttelte er den Kopf: nichts mehr zu machen. Wie lange sie denn gehalten hätten? Elf Jahre? Da könne ich mich nicht beschweren; länger als so manche Ehe.

Der Faden der Erinnerung

… die Natur selbst […] trägt […] zu unserer wachsenden Verwirrung bei: hat sie doch nicht nur ein heilloses Sammelsurium von Krims und Krams in uns abgelegt – ein Stück Polizeiuniformhose liegt da auf Tuchfühlung mit dem Brautschleier von Königin Alexandra –, sondern hat auch noch ersonnen, daß diese ganze Kollektion mit einem einzigen Faden zusammengeheftet werde. Die Erinnerung ist die Näherin, und, oh, was für eine launenhafte. Die Erinnerung fädelt mit ihrer Nadel auf und nieder, rein, raus, kreuz und quer. Wir wissen nicht, was als nächstes kommt oder gar, was darauf folgt. So kann die normalste Sache der Welt, etwa: sich an den Tisch setzen und das Tintenfaß zu sich ziehen, tausend wirre, zusammenhanglose Fetzen in Aufruhr versetzen, manche klar, andere verschwommen; die hängen und hüpfen, mal schüchtern, mal gebläht, wie die Unterwäsche einer vierzehnköpfigen Familie bei stürmischem Wind auf der Leine. Und so sind unsere gewöhnlichsten Verrichtungen keine geradlinigen, ehrlichen, kreuzbraven Angelegenheiten, derer sich niemand schämen müßte, nein, sie sind befallen vom Schwirren und Flattern von Flügeln, vom Auf und Ab von Gelamp. …

Virginia Woolf: Orlando, Chapter 2
Quelle hier, Übersetzung: selbst