Der Mattenweber

[…]
Ich war Helfer, Zuarbeiter von Queequeg bei der Arbeit an der Matte. Ich ließ, mit meiner Hand als Weberschiffchen, den Einschlag oder Schuß des Bändsels zwischen den langen Kettfäden hin- und wiedergehen, und Queequeg, etwas beiseite, hieb von Zeit zu Zeit mit dem schweren Webschwert aus Eichenholz zwischen die gespannten Fäden; so schob er, während er träge über das Meer schaute, beiläufig und achtlos den Schußfaden gegen das Gewebe. Es kam mir vor, als halte ein seltsamer Traumzustand das ganze Schiff, ja das Meer selbst umfangen, nur hin und wieder unterbrochen durch den dumpfen Ton des Webschwertes — es war, als wäre dies alles der große Webstuhl der Zeit und ich selbst ein Weberschiffchen, das unaufhörlich am Schicksalsstoff webt, weiter und weiter. Da sind die festgemachten Kettfäden, einem immerzu wiederkehrenden, immergleichen Umschwung unterworfen, und dieser Umschwung öffnet sie gerade weit genug, daß sich andere Fäden mit ihnen kreuzen und verbinden können. Diese Kettfäden sind die Notwendigkeit; und hier, dachte ich, webe ich mit eigener Hand und meinem eigenen Weberschiffchen mein eigenes Leben in diese unveränderlichen Fäden. Derweil traf Queequegs unkonzentriertes, gleichgültiges Webschwert den Schußfaden bald schief und krumm, bald schwer, bald schwach, wie es eben kam; dieser Unterschied im Schlag am Schluß brachte Unregelmäßigkeiten in das fertige Gewebe. Das Schwert dieses Wilden, dachte ich, das ganz am Ende noch Kette wie Schuß formt und gestaltet, dieses leichtfertige, gleichgültige Schwert muß das Glück sein – ja, hier wirken und weben Glück, freier Wille und Notwendigkeit zusammen, gar nicht unvereinbar, sondern alle miteinander: Die straffen Kettfäden der Notwendigkeit, die nicht von ihrer Richtung abweichen – noch jeder der abwechselnden Umschwünge dient dieser Richtung; der freie Wille, immerhin frei, sein Weberschiffchen in der bestimmten Bahn pendeln zu lassen; und das Glück, zwar im Spielraum begrenzt durch die vorgegebenen Fäden der Notwendigkeit und in seinen seitlichen Bewegungen vom Willen gelenkt – doch auch von diesen beiden eingeengt, regiert das Glück im Wechsel Willen und Notwendigkeit und versetzt den Ereignissen den letzten, gestaltenden Schlag.
[…]

 
Herman Melville: Moby Dick, Chapter 47: The Mat-Maker
Quelle hier, Übersetzung: selbst.

 

 

 

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6 Kommentare zu “Der Mattenweber

  1. Ach! Manchmal wünscht man sich beim Glück ein bißchen mehr Disziplin. Aber das wäre ja dann langweilig.
    Ihre Übertragung hat Eleganz und Fluß; gefällt mir ganz ausgezeichnet. Meinen bewundernden Glückwunsch zu Ihrem Sprachgefühl!

    • Diszipliniertes Glück –! Das wäre mal was. Könnte man ein Buch drüber schreiben.

      Und schönen Dank! Ich werde die Glückwünsche weiterleiten an mein fabelhaftes Wörterbuch von 1910. Da stehen die Fachwörter aus der Weberei noch alle drin. Und besonders schön: die meisten Weberwörter werden auch, etwas anders, in der Seemannssprache verwendet — das konnte ich in der Übersetzung aber nicht mehr unterbringen.

    • Danke, soso! Mich hat es erst verblüfft, in einem Buch über Walfang eine Weberszene zu finden. Aber als Bild für das Schicksal paßt es wieder hinein. Textilherstellung und Schicksal, das zieht sich so durch die Zeiten.

  2. Wie schön!
    Die Verbindung von Textilarbeit und Seefahrt scheint bis (fast) heute aktuell. In einem (wunderbaren) Buch über die Hochseefischerei der DDR lernte ich, dass die Seeleute in jeder freien Minute Teppiche webten. Vor dem Auslaufen wurde die kollektiv bestellte Wolle an Bord gebracht, und dann ging’s los.
    (Landolf Scherzer: Fänger und Gefangene)

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